Sommer 2025
Liebe Freundinnen und liebe Freunde,
unsere zahlreichen Besucherinnen und Besucher erleben bei uns ein sehr fröhliches Haus mit Kindern, die gern mit ihnen (auf Englisch) reden, tanzen, Sport treiben oder Spaß haben, die sie freudig an der Hand nehmen, um ihnen unsere Einrichtung zu zeigen. Dank des unermüdlichen Einsatzes unseres Leiters Rajesh herrscht bei uns eine sehr warmherzige Atmosphäre. Unsere
Mitarbeitenden wertschätzen einander. Rajesh hat sein Team gut zusammengeschweißt.
Zunächst wollen wir Ihnen unsere 15 neu aufgenommenen Kinder vorstellen: sieben Mädchen und acht Buben mit zu Herzen gehenden Schicksalen. Die Altersspanne zwischen knapp 4 Jahren und 14 Jahren ist dieses Mal größer als in früheren Jahren, ebenso die geographische Reichweite: vom
äußersten Westen bis in den äußersten Osten.Unter ihnen sind vier Geschwisterpaare - eines seit kurzem Vollwaisen - sowie drei Geschwister aus einer Familie.
Bei den drei Geschwistern lief die Mutter vor acht Jahren weg, als das jüngste Kind, ein Junge, ca. 4 Jahre alt war. Ihr Aufenthaltsort ist völlig unbekannt. Der Vater erlag vor ca. einem Jahr seiner Alkoholsucht. Zunächst gab es genügend Verwandte, die die Kinder bei sich aufnahmen. Während die Tante die beiden Mädchen regelmäßig zur Schule schickte, musste der inzwischen 12-jährige Bruder für seinen Onkel bei
anderen Dorfbewohnern für Geld arbeiten. Nach eigenen Aussagen schickte er ihn nur zur Schule, wenn gerade mal keine Arbeit anfiel. Damit verstieß er bewusst gegen das Gesetz des Kinderarbeitsverbots. Als 12-jähriger Analphabet ist er eine große Herausforderung für alle Lehrkräfte, zumal ihm das Lernen nicht gerade leichtfällt. Ebenso wie seine Schwestern hat er sich
gut eingelebt und fühlt sich offensichtlich wohl. Es ist das erste Mal in seinem Leben, dass er Kind sein darf, was er sichtlich genießt. Gleichaltrige bekommen beim Raufen seine viel größere Kraft zu spüren, denn er musste schon schwere körperliche Arbeit im Wald verrichten, bei der er sich im Gesicht einige bleibende Schrammen zuzog. Die Frage, warum die Mutter sich überhaupt nicht mehr für sie interessiert, bewegt die drei Geschwister natürlich. Lebt sie überhaupt noch? Gleich drei neue Kinder haben ein Elternteil durch Suizid verloren, was wohl noch schwerer zu verkraften ist als einen durch zu großen Alkoholkonsum, Unfall oder Krankheit bedingten Tod. Dank der herzlichen und fröhlichen Atmosphäre in unseren Häusern, dem fürsorglichen Personal und unseren bereits eingewöhnten Kindern, die sich rührend der neuen annehmen, gelingt die Integration erstaunlich schnell. Ich sehe noch das Bild von einem Jungen vor mir, der einfach seinen Arm um einen neuen Buben legte, der nach dem Tod seines Vaters geboren und dessen Mutter erst vor wenigen Wochen verstorben war, und ihn mit den Worten „Wir sind beide Boharas.“ mit sich zog. Sie haben zufällig den gleichen Familiennamen. Ich spürte förmlich, wie sehr diese Geste von Herzen kam und wie wohltuend sie auf den neuen Jungen wirkte.
Für all diese Kinder suchen wir noch Paten. Ein Kind kostet uns monatlich 150 Euro. Da dieser Betrag für die meisten Paten zu hoch ist, gibt es weiterhin Teilpatenschaften ab 30 Euro monatlich.
Insgesamt versorgen wir seit April dieses Jahres 228 Kinder und Jugendliche, von denen 135 in unseren drei Häusern wohnen. 46 Kinder kommen morgens ab 6:00 Uhr dazu und gehen spätestens um 21:30 Uhr zu ihren in der Umgebung lebenden Verwandten. Sie nehmen an unserem Lern- und Freizeitprogramm teil, essen bei uns, bekommen alle notwendigen Unterrichtsmaterialien sowie die Schuluniformen und sind tagsüber mit den anderen Kindern auf unsere Kosten in der Schule. Damit haben sie den von der Regierung gewünschten Kontakt zu ihren Angehörigen erhalten. Selbst wenn wir wollten, könnten wir sie aus Platzgründen nicht zum Schlafen aufnehmen. Für 25 Kinder von außerhalb übernimmt der Verein die Schulgebühren.
14 Jugendliche haben die 10. Klasse, 22 - davon 12 im Bild mit Familienangehörigen - die 12. Klasse abgeschlossen. Die Ergebnisse liegen uns leider noch nicht vor. Für Erstere beginnt demnächst die 11. und 12. Klasse; Letztere lernen auf Vereinskosten im Goethe-Zentrum Deutsch.
Und gleich noch ein paar Zahlen: Unsere eigene Grundschule, die Kusum School, hat dieses Jahr 75 Schülerinnen und Schüler, von denen 52 aus unserer Einrichtung stammen. Unser Kindergarten mit insgesamt 46 Kindern, davon nur 10 „eigene“, erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Zwar müssen wir immer noch Überzeugungsarbeit leisten, weil wir die Kleinen erst ein Jahr vor dem Eintritt in die 1. Klasse beschulen, aber die Eltern scheinen sich langsam für unser Konzept gewinnen zu lassen, und wenn es nur wegen der extrem niedrigen Kindergartengebühren ist. Dass sich unser Konzept bewährt, zeigen gerade die 10 neu eingeschulten Kinder in unsere Grundschule. Alle Lehrer sind von ihrem mitgebrachten Vorwissen und Können begeistert. Und es handelt sich bei ihnen nicht bloß um Überflieger. Die Ferien zum Schuljahreswechsel im April, in denen zum ersten Mal ca. drei Viertel der Kinder in ihr Dorf fuhren, haben die Mitarbeiterinnen und einige große Mädchen geopfert und genutzt, um die Wände im Hof unseres Kindergartens schön zu bemalen. Die Motive reichen von lehrreichen zweisprachigen Bildern über religiöse bis zu unterhaltenden mit bekannten Comicfiguren. Weitere Bilder davon stellen wir auf unsere Homepage.
Parallel dazu opferten die acht Lehrenden unserer Grundschule vier Ferientage für eine Lehrerfortbildung
zum Englischen sowie zur Methodik und Didaktik des
Unterrichts, die eine deutsche Seniorexpertin und ich
durchführten. Das Kollegium ist stärker
zusammengewachsen, die Unterrichtsqualität hat sich bereits verbessert und ein „Parents’ Day“ mit beachtlichen Darbietungen sind die Folgen. Ich bin sehr dankbar für unser äußerst engagiertes Personal und zugleich sehr stolz auf es. Auch dazu gibt es einige Bilder auf der Homepage in einem Blog.
Unsere an Meningitis erkrankte Juna (siehe RB 54) musste zu einer Nachuntersuchung nach einem Jahr noch einmal ins Krankenhaus nach Kathmandu kommen. An ihrem Zustand hat sich leider nichts geändert. Die gute Nachricht ist jedoch, dass wir einen Platz für sie in einer unter deutscher Leitung stehenden behindertengerechten Einrichtung in Kathmandu gefunden haben.
Sobald die Umbauarbeiten dort in ca. zwei Monaten abgeschlossen sind, wird sie dorthin ziehen. Wir haben die Eltern und Juna noch einmal mit Grundnahrungsmitteln versorgt, so dass die Mutter nicht arbeiten muss, sondern sich um die Tochter kümmern kann.
Die Wege von Evi Wurst und Max Haubensack hatten sich bei ihrem Praktikum im Frühjahr 2017 gekreuzt. Aus der ursprünglichen Freundschaft wurde im Laufe der Zeit Liebe. Die zunächst als Besuchs- und Trekkingreise geplante Rückkehr nach Nepal in den diesjährigen Osterferien, bei der sie ihre eigenen und die weiteren Patenkinder der Familie Haubensack (wieder)sehen wollten, wurde zur Hochzeitsreise, denn am Tag vor ihrem Abflug hatten sie sich noch trauen lassen. Sie dankten mir dafür, dass ich den Verein einst gegründet hatte, denn sonst wären sie sich nie begegnet. Wofür doch alles ein Verein und ein Praktikum gut sind ...
Über vier Abschlüsse dürfen wir heute berichten. Mit Bravour und einer Belobigung schloss Sachin Nepali im Juli 2024 seine Ausbildung zum Produktionstechnologen bei der Firma Hainbuch in Marbach am Neckar ab und heiratete anschließend seine Jugendliebe (siehe Blog 04.02.2025). Mit 6-monatiger Ausbildungsverkürzung wegen guter Leistungen folgte Ende Januar 2025 Ashok Dahal (s. RB 42, 43 und 49) als Fachinformatiker für Systemintegration bei der Firma ElringKlinger in Dettingen/Erms und schnitt noch etwas besser als Sachin ab. Er wollte die Ausbildungsverkürzung, damit er schneller voll verdienen kann, um seiner Familie beim Abtragen ihrer Schulden zu helfen. Sein älterer Bruder, das älteste Kind in der Familie, sollte nach 12 Jahren Arbeit in Saudi-Arabien wieder nach Nepal in seine Familie zurückkehren können und endlich seine inzwischen 13-jährige Tochter aufwachsen sehen dürfen. Außerdem wurde inzwischen festgestellt, dass die Gehörlosigkeit seiner Mutter operativ behoben werden kann. Da es in Nepal keine Krankenversicherung gibt, will er die Kosten übernehmen. Es beeindruckt mich sehr, dass er als Jüngster seiner Familie ein so starkes Verantwortungsgefühl gegenüber dieser verspürt. Er hat das Herz auf dem richtigen Fleck. Für die anderen acht, die dieses Jahr noch ihre Ausbildung beenden werden, ist er mit seinem Abschluss und seinem Verhalten Vorbild.
Ganz nach englischer Manier feierten Sanjeev Mahato und
Surendra Khanal ihren Bachelor-Abschluss im Ingenieurswesen mit „Cap and Gown“. Sanjeev kam im Herbst 2007 als knapp 6- jähriger zu uns. Der ein Jahr ältere Surendra stieß erst in der 8. Klasse zu uns. Beide stammen aus dem Süden des Landes aus bitterarmen Familien, die ihnen nie eine ihren Begabungen entsprechende Schul- und Ausbildung hätten geben können. Beide waren immer sehr strebsame und fleißige Schüler und Studenten, die ihren Bachelor sehr gut abschlossen. Wegen Corona zog sich allerdings ihr Studium sehr lange hin. Sie sind inzwischen bei uns ausgezogen, haben einen kleinen Job, von dem sie sich ernähren können und träumen von einem Masterstudium im englischsprachigen Ausland - möglichst USA. Der nepalesische Arbeitsmarkt gibt zu wenige ordentlich bezahlte
Stellen her. Schade, denn die beiden wären ausgezeichnete, sehr zuverlässige Mitarbeiter, die das Land voranbringen könnten.
Wie in jedem Land gibt es auch in Nepal eine Schicht wohlhabenderer Menschen, die uns zwar das eine oder andere Kind für eine bessere Zukunft schicken, aber nie mit auch nur einer Rupie zu dessen Unterhalt beitragen. Das Kind sollte ihnen ewig dankbar für die bessere Bildungs- und Lebenschance sein, die Finanzierung sollte aber in Händen der stets nur reichen Ausländer liegen.
Wenn ich denen bloß begreiflich machen könnte, wie viele von Ihnen sich einschränken, um diese Kinder zu unterstützen. Dieses Blatt wendet sich etwas in der jüngeren Generation. So wollte der Sohn eines Bankdirektors zu seinem 9. Geburtstag keine Geschenke von seinen Eltern, sondern wollte eine Mahlzeit mit Hühnchen und Reis an ein Kinderheim spenden. Gerne hätten unsere überglücklichen Kinder ob des zusätzlichen „Fleischsegens“ (es gibt sonst nur einmal in der Woche Fleisch) eine kleine Feier für ihn veranstaltet, er kam jedoch nur kurz vorbei, um zu sehen, wohin sein Geburtstagsgeschenk ging. Ein paar Mädchen von einem College mit saftigen Studiengebühren kamen mit ein paar Taschen gebrauchter Kleidung und Schuhe vorbei, die sie in
ihrer neu gegründeten College-Gruppe für ärmere Kinder - u. a. für unsere - gesammelt hatten und verteilten.
Zum Schluss: Wir nehmen gerne gebrauchte, noch gut funktionierende Handys (bitte Geheimzahl zurücksetzen), gebrauchte, aber noch vollständige Puzzles mit bis zu ca. 200 Teilen und Memory- sowie Kartenspiele für Kinder jeden Alters.
Sofern noch nicht geschehen, teilen Sie uns bitte Ihre E-Mailadresse mit, damit wir Ihnen unseren Rundbrief künftig per Mail schicken können. Das schont die Umwelt und spart uns Kosten. Dringend suchen wir eine oder mehrere Personen, die sich in die Arbeit des Vorsitzes im Verein einarbeiten und ihn übernehmen. Der Posten der Schriftführerin/des Schriftführers ist umgehend
neu zu besetzen.
Wir danken Ihnen für Ihre Unterstützung und wünschen Ihnen einen erholsamen Sommer. Halten Sie uns bitte die Treue. Wir brauchen Sie dringend weiterhin.
Wir danken Ihnen für Ihre treue Unterstützung und wünschen Ihnen in diesen unruhigen Zeiten friedliche Vorweihnachtstage.
Eine Vielzahl weiterer Rundbriefe, der vergangenen Jahre, finden Sie auch in unserem Downloadbereich zum Herunterladen als pdf.



