Sommer 2025
Liebe Freundinnen und liebe Freunde,
bei Kaiserwetter landete mein Flieger am 18. Oktober, dem ersten Tag des fünftägigen Tiharfests(Lichterfest) in Kathmandu. Während die meisten meiner Mitreisenden in dem vollen Airbus 330-300 in der besten Jahreszeit und unbeeindruckt von den Unruhen vor fünf Wochen zum Trekken nach Nepal gekommen waren, wollte ich mit unseren Kindern das schönste Fest Nepals feiern. Angekommen im Kinderheim erlebte ich noch fleißig übende Kinder sowie Personal, das die Lichterketten an den Häusern aufhängte oder sich in der Küche zu schaffen machte. Der bewundernswert große Einsatz der Kinder hat sich gelohnt, denn sie tanzten noch ausdrucksvoller und präziser als je zuvor. Ganz besonders hatten sich unsere Jungs mit ihren modernen Tänzen ins Zeug gelegt. Unter dem Link https://youtu.be/z5Huv0w52Ck können Sie sich eine fünfminütige Video-Fassung der Veranstaltung anschauen, die unser Praktikant Erik Pollikow angefertigt hat. Auch unsere Jüngsten reihen sich schon mit viel Begeisterung bei den Tanzenden ein. Schauen Sie dazu unter https://youtu.be/GzVFAkuRLYE ein weiteres Video an.
Zum ersten Mal wagten sich auch unsere „Didis“ (weiblichen Hausangestellten) mit einem Tanz auf die Bühne. Schon während des Jahres hatten sie angefangen, Badminton zu spielen. Jetzt kam durch ihr gewachsenes Selbstvertrauen der nächste Schritt. Seit Jahren tragen sie - oft als Alleinerziehende - die Hauptverantwortung für ihre eigenen Kinder. Sie dürfen nach allem, was sie geleistet haben und leisten, gern selbstbewusster sein.
Eine von ihnen - unsere Hari Devi Didi - ging schon seit Jahren einen Schritt weiter. Nebenher hatte sie in einem speziellen Kurs für gestandene Frauen die Schulbank gedrückt, um ihren Abschluss der Klasse 10, das SEE, zu machen. Fast gleichzeitig mit ihr hat ihr Sohn Sunil seinen Bachelor in „Information Management“ abgeschlossen. Er lernt gerade Deutsch, weil er noch einen Master in Deutschland daraufsetzen will.
Anlass zur Freude gaben mir auch unsere Azubis in Deutschland, die alle sieben nach erfolgreichem Ausbildungsende von ihren
Betrieben übernommen wurden. Eine glanzvolle Abschlussfeier mit viel
Prominenz, darunter der Gmünder OB Richard
Arnold, gab es für unsere vier frisch gebackenen Pflegefachkräfte.
Nach den drei harten Ausbildungsjahren kehrten die meisten von ihnen auf Besuch nach Nepal zurück und genossen die Zeit im Dorf. Aus Dankbarkeit für die empfangene Unterstützung haben die meisten von ihnen zu meiner allergrößten Freude nun eine persönliche oder unpersönliche Patenschaft übernommen, obgleich sie jetzt ihr eigenes Leben in Deutschland aufbauen und gleichzeitig noch ihre Herkunftsfamilie in Nepal unterstützen. Ein weiterer Grund zur Freude ist die Tatsache, dass vier weitere Jugendliche aus unseren Reihen diesen Herbst eine Ausbildung in Deutschland als Koch, Elektroniker für Betriebstechnik, Fachfrau für Restaurants und Veranstaltungsgastronomie sowie Bauzeichnerin begonnen haben. Hoffentlich meistern sie ihre Ausbildung genau so gut wie die anderen, zumal sich drei von ihnen wegen verspäteter Visaerteilung nicht vor Ausbildungsbeginn ein wenig bei uns akklimatisieren konnten, sondern gleich verspätet in die Berufsschule und die Ausbildung einsteigen mussten. Und unser Schulunterricht läuft sehr viel anders ab als der nepalesische.
Seit diesem Jahr sind wir über den Verein „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners e.V.“ in das weltwärts-Programm der Bundesregierung aufgenommen. Ein großer Vorteil für uns! Denn jetzt können wir 12 Monate im Jahr Freiwillige bei uns haben, was aufgrund der bestehenden nepalesischen Visaregelungen bisher nicht möglich war. Ich muss „können“ sagen, weil die Zustimmung der nepalesischen Regierung zu der vorgeschlagenen Neuregelung der Visumvergabe noch nicht vorliegt. Hoffen wir, dass es klappt. Derzeit haben wir drei junge Männer und zwei junge Frauen aus dem weltwärts-Programm. Zusätzlich sind noch eine Praktikantin und ein Praktikant aus unserem bisherigen Praktikumsprogramm bei uns. Von den vielen männlichen Freiwilligen profitieren besonders unsere Buben von Klasse 6 bis 10, weil wir alle dort eingesetzt haben.
Unsere sehr erfolgreiche erste Lehrerfortbildung vom Frühjahr fand am 26. und 27.10.2025 eine Fortsetzung. Anne-Marie Bischof, die noch einmal vom SES gesponsort wurde, führte sie wieder mit mir zusammen durch. Wunschgemäß lagen dieses Mal die Schwerpunkte auf den Bereichen Grammatik und Aussprache im Englischen. In Bezug auf den Unterricht standen didaktisch/methodische Themen wie die Steigerung der Konzentrationsfähigkeit im Mittelpunkt. An Hand von praktischen Beispielen wurde diese Methoden vorgestellt. Bei unseren Unterrichtsbesuchen stellten wir schon gute Fortschritte fest.
Unsere klar durchstrukturierten Tage im Kinderheim geben unseren Schützlingen Halt und helfen ihnen, die Anforderungen in der Schule zu bewältigen. Außer an den Feiertagen lernten unsere Kinder, die nicht ins Dorf oder zu anderen Verwandten fahren konnten, selbst in den Ferien täglich bis zu drei Stunden. Trotzdem sind wir eine sehr fröhliche Großfamilie, in der viel gelacht wird und zahlreiche Aktivitäten durchgeführt werden.
Mit teilweiser finanzieller Unterstützung der Paul-Lechler-Stiftung konnten Upasana Karki und Hiralal Gole im Schuljahr 2024/25 die internationale 10. Klasse am Friedrich-Schiller-
Gymnasium in Marbach am Neckar besuchen. Sie schätzten das Eintauchen in die deutsche Kultur, in der sie Feste wie Weihnachten, Ostern, eine Taufe und eine Konfirmation erlebten. Sie lernten Annehmlichkeiten wie Wasch- und Spülmaschine, den Staubsauger sowie eine heiße Dusche kennen. Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler aus Ungarn, Thailand, China, Rumänien, Spanien zeigten ihnen mit ihren Kulturen neue Horizonte auf, während sie ihre Hindu- Traditionen vorstellen konnten.
Direkt berichten sie weiter: „Wir erwarben neue Fähigkeiten wie Schwimmen und Fahrradfahren und verbesserten unsere Sprachkenntnisse. Wir erlangten auch praktisches Wissen über das deutsche Kalendersystem, den Verkehr und das tägliche Leben. Wir bemerkten auch Unterschiede in den Fahrgewohnheiten, Schulzeiten und Lehrmethoden zwischen Deutschland und Nepal. Die freundlichen und ansprechbaren Lehrer, die gut ausgestatteten Klassenzimmer und die modernen Lehrmittel machten unser Lernen angenehm und spannend. Wenn wir an unsere Zeit in Deutschland zurückdenken, erkennen wir, wie viel wir über die Welt jenseits unserer eigenen
gelernt haben.“
Durch die zunächst friedlichen Proteste gegen die herrschende Korruption und Vetternwirtschaft am 8. September, die leider am 9. September in Gewalt und Brandschatzung ausarteten und viele unschuldige Menschenleben forderten, steckt Nepals junge Demokratie in einer schweren Krise. Die ernannte Übergangsregierung will am 5. März 2026 Neuwahlen durchführen, bei der die alte Garde (Männer zwischen 70 und 80) durch jüngere, nicht korrupte Köpfe ersetzt werden soll, die sich aber erst noch parteilich zusammenfinden müssen. Es ist noch nicht ganz klar, ob die verschiedenen Gen Z Gruppierungen eine oder mehrere neue Parteien gründen oder führende Rollen in den herkömmlichen Parteien übernehmen wollen. Bis zur Verfassung dieses Rundbriefs Anfang November herrschte in Nepal absolute Ruhe. Alle Verhandlungen wurden friedlich geführt.
Es bleibt nur zu hoffen und zu wünschen, dass dieses Land das gesteckte Ziel gewaltlos erreicht. Neben dieser politischen Krise bekam das Land leider noch Auswirkungen des Klimawandels ganz stark zu spüren, denn im sonst traumhaft sonnigen November mit Tagestemperaturen von mehr als 20 Grad Celsius, setzte plötzlich Anfang des Monats ein dreitägiger Monsunregen mit einer ungewöhnlichen Kältewelle ein. Ein großer Teil der Ernte wurde dadurch leider vernichtet. Die Trekker auf den Bergen mussten wegen frühen Schnees ihre Routen abkürzen. Wir bekamen in Kathmandu nur Regen und Kälte ab.
Im letzten Rundbrief baten wir um gebrauchte Puzzles und Brettspiele. Insgesamt erhielten wir rund 40 kg Spiele, von denen die meisten bereits in Nepal sind. Eine Familie hatte mir ein Paket mit 17 kg geschickt! Zum wiederholten Mal hat uns die Firma Racket Company aus Offenbach am Main verschiedene Sportartikel wie z.B. Badminton- und Tischtennis- Schläger sowie die dazugehörenden Bälle geschenkt.
Ihr und allen Sammelnden und Spendenden danken wir an dieser Stelle sehr herzlich für Ihre wertvolle Unterstützung. Auch erhielten wir wieder einige noch gut erhaltene Handys, die wir unseren Jugendlichen für ihre Deutschkurse am Goethe-Zentrum in Kathmandu zur Verfügung stellen. Gerne dürfen Sie uns weiterhin noch gut funktionierende Mobiltelefone schicken (bitte Sperrcode löschen). Auch haben wir großes Interesse an Tablets, mit deren Hilfe unsere Lehrkräfte den Unterricht anschaulicher gestalten können. Beamer etc. können wir in den kleinen Klassenzimmern nicht unterbringen.
Sofern noch nicht geschehen, teilen Sie uns bitte Ihre E-Mail-Adresse mit, damit wir Ihnen unseren Rundbrief künftig per Mail schicken können. Das schont die Umwelt und spart uns Kosten.
Dringend suchen wir weiterhin eine oder mehrere Personen, die sich in die Arbeit des Vorsitzes im Verein einarbeiten und ihn übernehmen. Der Posten der Schriftführerin/des Schriftführers ist umgehend neu zu besetzen.
Sie als unsere treuen Patinnen und Paten oder regelmäßig Spendende in den Allgemeintopf sind das Rückgrat unseres Vereins. Zusätzliche Spenden aus freudigen und traurigen Anlässen sowie eine kräftige Finanzspritze beim Schulgeld durch die Agnes Philippine Walter Stiftung tragen dazu bei, dass wir unsere derzeit 192 Kinder und Jugendlichen sowie 27 ausschließliche Schulgeldstipendiaten jeden Monat unterstützen können. Haben Sie ganz herzlichen Dank dafür. Wir suchen noch Paten für unsere neuen Kinder. Ein Kind kostet uns inzwischen 150 Euro im Monat. Nach wie vor sind Teilpatenschaften ab 30 Euro im Monat möglich.
Wir wünschen Ihnen in dieser turbulenten Welt friedliche Tage im Advent, zu den Festtagen und zum Jahreswechsel. Halten Sie uns bitte die Treue. Wir brauchen Sie dringend weiterhin.
Mit freundlichen Grüßen
Eine Vielzahl weiterer Rundbriefe, der vergangenen Jahre, finden Sie auch in unserem Downloadbereich zum Herunterladen als pdf.




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