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Rundbrief Nr. 51

Sommer 2023

Liebe Freundinnen und liebe Freunde,

 

wieder habe ich drei arbeitsintensive und sehr schöne Monate bei unseren Kindern in Nepal erlebt. In dieser Zeit gab es zwei markante Ereignisse. Nach 17 Jahren haben wir für die Klassen 6 bis 10 die Schule gewechselt. Trotz wiederholter Gespräche mit der Schulleitung und kurzzeitiger Besserung wurden die Kinder dort immer wieder geschlagen, was gegen das Gesetz verstößt. Die Meinung, man könne einem schwachen Schüler Wissen einprügeln, ist eben irrig. Jetzt zogen wir die Konsequenzen. Kurz vor Schuljahresbeginn hatten wir plötzlich 25 neue Kinder, weil uns der nepalesische Staat nach Abschluss unserer Aufnahmeverfahren 13 weitere Kinder bescherte. Er schloss drei kleine, inzwischen unrentable „Waisenhäuser“ im Kathmandutal, deren finanzielle Unterstützung aus dem Ausland nach Corona nicht mehr gewährleistet war. Wie dankbar bin ich Ihnen, dass Sie uns trotz Pandemie und Krieg in der Ukraine, die mit großen Preissteigerungen bei uns für die Alltagsgüter verbunden waren, die Treue gehalten haben, so dass unser Verein und unsere Kinder vor einem solchen Schicksal verschont blieben.

Neue Kinder 2023
Neue Kinder 2023

Das nepalesische Jugendamt hat zunächst nach Anverwandten der Kinder gesucht und bei Erfolg sie dorthin geschickt. Uns hat es nur solche Kinder zwischen 11 und 17 Jahren zugewiesen, die überhaupt nicht zurück in ihre ursprüngliche Umgebung vermittelt werden konnten. Wie unsere bisherigen Kinder sind sie Voll- oder Halbwaisen bzw. haben bitterarme und gesundheitlich beeinträchtigte Eltern. Drei Jugendliche unter ihnen haben jedoch ein noch viel erschütterndes Schicksal, denn sie sind Findelkinder. Die heute 16-Jährigen waren zwei Wochen, 16 bzw. 18 Monate alt, als sie auf der Straße ausgesetzt und schreiend von der Polizei gefunden wurden. Sie kamen, nachdem keine Angehörigen ausfindig gemacht werden konnten, in ein Waisenhaus, das früher Adoptionen vermittelte und aus diesen Einkünften seine Ausgaben bestritt. Für eines dieser Kinder wurde sogar in nepalesischen Zeitungen – leider erfolglos – nach Adoptiveltern gesucht. Wegen der vielen gefälschten Papiere haben die meisten Länder schon vor Jahren Adoptionen aus Nepal eingestellt. Zuletzt hat auch die nepalesische Regierung keine Adoptionen mehr erlaubt. Verstärkt durch die Pandemie ging damit diesem Waisenhaus das Geld für seinen Unterhalt aus.

 

Diese drei Jugendlichen haben zwar einen Vornamen und interessanter Weise ein festes Geburtsdatum, die sie wahrscheinlich beide von der Polizei erhielten. Der Familienname und ihr Geburtsort fehlen. Niemand wollte ihnen seinen Familiennamen geben, weil sie damit ein Anrecht auf das Familienerbe – meistens ein Stück Land in einem Dorf – hätten. Den eigenen Kindern wollten sie wohl nicht zumuten, dass sie das Wenige, das sie eventuell haben, noch teilen müssen. Außerdem zeigt der Familienname auch die Kaste an, in die man gehört, was sehr verhängnisvoll sein kann. Ich habe selbst erlebt, dass eine Ehe, noch während der Hochzeitsfeierlichkeiten von den Verwandten der Frau aufgelöst wurde, als sie erfuhren, dass die Mutter (!) des Bräutigams aus einer niedrigen Kaste kam. Dabei hatte der zukünftige Schwiegersohn den Prestigeberuf par excellence: Arzt. Es zählte auch nicht, dass die Braut mit ihren 31 Jahren für nepalesische Verhältnisse schon sehr alt und nur noch sehr schwer zu verheiraten war. Hoffentlich bleiben allen unseren Kindern solche Erfahrungen erspart. 

Wie Sie wissen, ist es uns ein Herzensanliegen, allen unseren Kindern, ganz besonders aber diesen Dreien, eine Zukunft zu geben. Da neue Kinder mit mehr Kosten verbunden sind, brauchen wir dringend weitere Paten und bitten Sie in Ihrem Verwandten- und Bekanntenkreis dafür zu werben.

Ein Kind kostet uns monatlich inzwischen 150 Euro. Wir vergeben aber weiterhin Teilpatenschaften ab 30 Euro monatlich. Wer keine direkte Patenschaft übernehmen, sondern lieber regelmäßig oder gelegentlich eine fixe Summe spenden will, ist auch herzlich willkommen. 

Denn infolge von Corona und dem Ukrainekrieg sind leider auch in Nepal die Lebensmittelpreise exorbitant gestiegen. So hat sich der Preis für 1 l Speiseöl mehr als verdreifacht – und wir brauchen für unsere rund 200 Essenden 260 Liter im Monat! Vom Grundnahrungsmittel Reis werden monatlich 72 Säcke à 25 kg (im Winter sogar noch 20 Säcke mehr) benötigt. Nicht wenige unserer heranwachsenden Burschen vertilgen am Tag 1 kg Reis! Jeder Sack kostet inzwischen gut 20 % mehr. Die Preise für Milch, Obst, Gemüse und Kochgasflaschen sind um 30-45 % gestiegen. Fleisch, das es nur einmal in der Woche gibt, wurde fast doppelt so teuer. Ganz streichen können und wollen wir es nicht, da die meisten Kinder am liebsten sogar zwei Mal in der Woche Fleisch hätten.

Vom Kindergarten bis hin zum Bachelor-Level einschließlich der Deutschkurse im Goethe-Zentrum Kathmandu unterstützen wir derzeit 208 Kinder und Jugendliche, darunter 20 Stipendiaten, die nicht bei uns wohnen oder essen und bei denen wir nur die Schulgebühren übernehmen. Wir hoffen sehr, dass alle 11 Jugendliche, die ab August eine Ausbildung in Deutschland machen wollen, diese tatsächlich antreten können. Ein Mädchen möchte zur Berufsorientierung ein FSJ-Jahr machen, ein weiteres Mädchen und ein Junge sollen wieder die internationale 10. Klasse am Gymnasium in Marbach am Neckar besuchen. Wir drücken die Daumen, dass alle ein Visum bekommen und der nepalesische Zoll sie ausreisen lässt.

Jugendliche die nach Deutschland kommen
Jugendliche die nach Deutschland kommen

Von den neun Jugendlichen im ersten Ausbildungsjahr und den beiden im zweiten können wir nur Positives berichten. Keine/r hat bisher abgebrochen. Alle kämpfen sich wacker durch. Alle, die eine Probezeit hatten, haben diese bestanden. Alle würden diesen Schritt wieder tun, obgleich ihnen das Lernen der Theorie aufgrund sprachlicher Schwierigkeiten viel abverlangt. Durch die klare Struktur der deutschen Ausbildungsgänge wissen sie immer, was sie machen sollen bzw. woran sie sind. Sie erfahren dadurch Orientierung in ihrem eigenen Leben, das damit in klaren Bahnen verläuft. Stärke geben ihnen auch ihre Gastfamilien, denen ich an dieser Stelle für ihre Erziehungsarbeit und ihren selbstlosten Dienst sehr herzlich danken möchte. Wie in der Gesellschaft generell ist auch hier die Familie das Rückgrat.

Dank einiger größerer Spenden konnten wir einen neuen Sportplatz einrichten. Unabhängig vom Alter ist er ein sehr begehrter Ort.

Unser neuer Sportplatz
Unser neuer Sportplatz

Seit Schuljahresbeginn im April gehen unsere Kinder von der 6. bis 10. Klasse in die „JB School“, die etwas näher bei unseren Häusern liegt. Vor allem bleiben wir von den Staus auf der Hauptverkehrsstraße, der Ring Road, verschont. 

Die Kürzel JB stehen für den mit 58 Jahren verstorbenen Mann namens Jung Bahadur, einen vorbildlichen Vater und Sozialarbeiter, der viel für die Armen in seiner Umgebung tat. Sein Andenken soll im Namen der Schule bewahrt bleiben.

Das gesamte Schulgelände ist großzügig angelegt, die Klassenzimmer sind geräumig. Zur allergrößten Freude der Kinder gibt es sogar ein kleines Schwimmbecken, in dem im Sommer Schwimmunterricht gegeben wird. Nach dem ersten fröhlichen Planschen kamen sie überglücklich nach Hause.

Die gesamte Lernatmosphäre und der Unterricht sind nach Aussagen der Kinder besser als früher. Ich bin sehr froh, dass die Kinder den Wechsel als Gewinn erleben, weil er ja auch mit Verlusten verbunden war, denn die Kinder mussten sich von ihren Freundinnen und Freunden aus der alten Schule trennen. Im Gegensatz zu Deutschland besucht man sich in Nepal außerhalb der Familie kaum.

In unserer Grundschule, der Kusum School, sind wir ein wenig gewachsen, denn wir haben jetzt 67 Schülerinnen und Schüler: 49 aus unserem Haus und 18 Externe. Die Kinder fühlen sich ausgesprochen wohl dort und auch die Eltern sind zufrieden. An der Verbesserung der Unterrichtsqualität arbeiten wir. In Mathematik haben wir den Unterricht in den ersten beiden Klassen mithilfe von Montessori-Stäben, die ich von einer in den Ruhestand gegangenen Lehrerin bekam, anschaulicher und lebendiger gestaltet. Im naturwissenschaftlichen Unterricht notieren die Kinder kurze Merksätze auf Englisch. Es gibt noch viel zu tun, aber ein guter Anfang ist gemacht. Wir würden uns über pensionierte Lehrkräfte freuen, die ca. zwei Wochen oder gern auch länger zu uns kämen und unseren einheimischen Lehrkörper schulten, denn in Nepal gibt es keine methodische-didaktische Ausbildung. Melden Sie sich doch bitte unverbindlich bei mir. Sofern Sie Nepal nicht kennen, können Sie dies gern mit einer Reise in dieses Land mit seiner unvergleichlichen Kultur und Bergwelt verbinden. Für Kenner lohnt sich immer eine Reise zu diesen netten Menschen.

Dank unserer Ausbilderin Nima und unseres sehr engagierten jungen Personals ist unser Kindergarten eine echte Perle. In der Vorschule werden die ältesten Kinder in spielerischem Lernen gut auf die Schule vorbereitet. Die Kinder sind begeistert, diszipliniert und machen sehr gut mit. Die jüngeren Kinder hören Geschichten, lernen Verse und Lieder auf Nepalesisch und Englisch und können sich im Spiel optimal entfalten, was auch ihnen sehr gefällt. Nur sehen leider zu wenige nepalesische Eltern aus ärmeren Verhältnissen, die selbst oft noch Analphabeten sind, diese Vorzüge. Sie meinen, dass ein Kind später in der Schule nicht mitkommt, wenn es nicht mit 3 Jahren schon Schreiben, Lesen und Rechnen lernt. Auf zwei Elternnachmittagen zeigten wir den Eltern das Gelernte und erklärten unser Konzept. Fazit: Wir müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Aber wir geben nicht auf.

Wieder behandelte unser Zahnarzt aus Berlin, der jedes Jahr drei Wochen Freiwilligenarbeit im Sushma Koreila Memorial Hospital in Sanku leistet, unsere Kinder in drei Gruppen. Da kaum gebohrt und nur wenige Zähne gezogen werden mussten, war er begeistert von der Zahnsubstanz unserer Schützlinge.

Gruppenbild nach dem Zahnartztbesuch
Gruppenbild nach dem Zahnartztbesuch

In eigener Sache möchten wir noch darauf hinweisen, dass Sie unseren Schatzmeister verständigen sollten, wenn Sie ihre Bankverbindung ändern. Nur so können Sie eine vollständige Spendenbescheinigung für alle Ihre Spenden für die ganze Jahr bekommen.

 

Sofern noch nicht geschehen, können Sie, uns Ihre E-Mailadresse mitteilen, damit wir Ihnen den Rundbrief per Mail schicken können.

 

Wir haben noch viel Platz für neue Praktikantinnen und Praktikanten. Ein Praktikum dauert in der Regel mindestens vier Monate. Ausnahmen sind für Praktika innerhalb eines Studiums möglich.

 

Immer noch freuen wir uns über von Ihnen ausrangierte, aber noch gebrauchsfähige Handys, Smartphones und Laptops. Bitte vergessen Sie nicht, auch Ihr Passwort zu löschen.

Mit mehr als 100 Mitgliedern aus ganz Deutschland, von denen ca. ein Drittel unter Dreißig sind, stehen wir als Verein gut da. Einige dieser jungen Mitglieder arbeiten jetzt schon sehr engagiert mit. Jakob Neugebauer z.B. zeigt sich für unsere sehr informative und bestens gepflegte Homepage verantwortlich. Ein junges Team aus drei Studentinnen betreut bestens unsere zukünftigen und derzeitigen Praktikantinnen und Praktikanten. Außerdem gibt es viele jüngere und ältere Helferinnen und Helfer z.B. beim Sammeln und Verteilen der Patenbriefe, beim Packen des Gepäcks für Nepal, beim Verkauf auf den verschiedenen Basaren etc. Wir suchen dringend Freiwillige, die bereit sind, sich in Vorstandarbeiten einzuarbeiten und solche Aufgaben zu übernehmen. Am wichtigsten wäre eine weitere Person im Vorstand selbst. Wer hätte Lust dazu und wäre bereit, einen Teil seiner Freizeit dafür zu opfern? Aus eigener 25-jähriger Erfahrung kann ich ihnen versichern, dass das Opfer durch die Dankbarkeit der Kinder und Mitarbeitenden in Nepal nicht schwer wiegt. Ich freue mich auf Ihre Meldung.

Abschließend möchte ich mich noch einmal bei Ihnen für Ihre stete Unterstützung bedanken und Sie herzlich bitten, uns treu zu bleiben und zu helfen, weitere Paten und Spender zu finden.

 

Ich wünsche Ihnen noch einen schönen und erholsamen Sommer.


Eine Vielzahl weiterer Rundbriefe, der vergangenen Jahre, finden Sie auch in unserem Downloadbereich zum Herunterladen als pdf.

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