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Rundbrief Nr. 48

Winter 2021

Liebe Freundinnen und liebe Freunde,

als im Spätsommer die Fallzahlen für Corona in Nepal drastisch sanken und die 14-tägige Quarantäne für Einreisende aufgehoben wurde, entschloss auch ich mich, nach 1½ Jahren wieder die Kinder zu besuchen. Mitten in der Klassenarbeitsrunde der Kinder zum Abschluss des 1.Quartals und kurz vor dem größten Hindufest, Dashain, landete ich in Kathmandu. Die Wiedersehensfreude war auf beiden Seiten riesengroß. Nachdem im vergangenen Jahr wegen der Pandemie alle Kinder für die Festtage und Ferien im Kinderheim bleiben mussten, durften sie dieses Jahr wieder für ca. 12 Tage in ihre Dörfer oder zu Angehörigen in Kathmandu reisen. Die meisten Kinder wurden auch tatsächlich abgeholt. Jedoch zog sich das Abholen über eine Woche hin, wobei wir in den meisten Fällen nicht so genau wussten, wann die Abholenden kamen. Vor lauter Vorfreude und um gleich abreisen zu können, lief der 10-jährige Birendra bereits zwei Tage vor dem großen Augenblick mit Rucksack und Schildmütze herum. Die verständliche Enttäuschung bei ca. 20 Kindern über das Dableiben-Müssen konnten wir erfolgreich durch ein schönes Fest in unserem Kinderheim mit dem typischen Ziegenbraten sowie Ausflügen in einen kleinen Vergnügungspark und ein Schwimmbad ausgleichen. Kinder konnten nicht nach Hause fahren, weil die Straße in ihrem Distrikt durch die von dem heftigen Monsun verursachten Erdrutsche unpassierbar war oder weil es einen Todesfall in der Familie gab. In solchen Fällen dürfen die Familien ein Jahr lang nicht feiern; die Kinder konnten dies jedoch bei uns tun, so dass sie besser bei uns aufgehoben waren. Leider gibt es auch ein paar wenige, die keine an ihnen interessierten Angehörigen haben.

So sehr sich die Kinder auf zu Hause gefreut haben, so gern sind sie -bis auf ein paar wenige von ihnen -auch wieder zu uns zurückgekommen. Sie schätzen ihr zweites Zuhause sehr. Es wäre ja auch schlimm, wenn sie nicht gerne zu ihren Wurzeln zurückkehrten, wenn sie sich nicht auf das Wiedersehen mit Vater, Mutter bzw. anderen Angehörigen freuten. Während dieses kurzen Ferienaufenthalts bekommen sie viel mehr Zuwendung als wir bei unserer großen Kinderschar und Tag täglich ihnen je geben können. Wir müssen sie auch schulisch fordern und fördern, was während der Festtage wegfällt. Und den meisten, die gerne zu Hause geblieben wären, fällt eben das Lernen schwerer. Nach Rücksprache mit den Angehörigen bleiben alle Kinder -auch aus eigener Überzeugung -bei uns, denn die Familien können es sich finanziell und bildungsmäßig nicht leisten, sie zu Hause zu haben. Die meisten sind Analphabeten und wollen, dass ihr Kind weiterkommt. Uns ist der Zwiespalt der Kinder bewusst. Wir haben zum Glück das Problem lösen können, denn alle Kinder sind wieder sehr fröhlich und bereiten eifrig das Tiharfest (Lichterfest) mit seinen Aktivitäten vor.

Trotz Pandemie wagten die ehemaligen Praktikanten Mathis und Eric im März 2021 ungeimpft zum Fernstudium nach Nepal zu reisen. Zu dieser Zeit schien in Nepal alles wieder bergauf zu gehen, nahezu alles war geöffnet und die Corona Fallzahlen niedrig. Mathis berichtet:

Mathis und Eric
Mathis und Eric

Leider hielt die gute Lage in Nepal nicht lange an. Die Delta-Variante kam Mitte April aus Indien über die Grenze und breitete sich so schnell aus, dass es erneut einen totalen Lockdown gab. In unseren Häusern wurden alle möglichen Maßnahmen ergriffen, um Infektionen zu vermeiden. Doch obwohl nahezu alle Angestellten in die Häuser eingezogen waren und jene, die von außerhalb kamen, sich nur zwischen ihren Wohnungen und den Häusern bewegten, wurden Ende Mai erste Angestellte und Kinder positiv auf Covid getestet. Da die Fälle schon eine Weile unbemerkt im Haus waren, kam es wie es kommen musste: Fast alle Kinder und Angestellten in zwei unserer Häuser waren in den folgenden Wochen Corona-positiv, nur das Haus der ältesten Kinder blieb bis auf einen positiven Fall verschont.

Zu dieser Zeit waren sämtliche Krankenhäuser in Kathmandu überlastet und die Sauerstoffreserven sehr knapp. Es blieb uns nichts anderes übrig, als zu hoffen, dass alle die Infektion unbeschadet überstehen würden. Für mich als deutschen Staatsbürger war dies eine sehr ungewohnte Situation, sind wir es doch aus Deutschland meistens gewohnt, dass es immer eine Lösung für Probleme gibt. Der Situation ein Stück weit ausgeliefert zu sein und einfach darauf hoffen zu müssen, dass nichts passiert, war etwas, das ich so noch nie erlebt habe. Doch zum Glück überstanden alle Infizierten ihre Infektionen ohne kritische Verläufe. Dass uns letztendlich allen nichts passiert ist und es keine schweren Verläufe gegeben hat, ist bei über 100 positiven Fällen großes Glück gewesen.

Nach den überstandenen Infektionen im Haus hatten wir alle vorerst die Sicherheit, dass wir über eine gewisse Immunität gegenüber dem Virus verfügten. Gleichzeitig besserte sich die Lage im gesamten Land –wenn auch zunächst nur sehr langsam. In dieser kritischen Zeit verschenkte der Verein weiterhin Lebensmittel und unterstützte eine Isolierstation bzw. leistete persönliche Corona-Hilfe.

Wegen Covid-19 wurde der Beginn des Schuljahres von April auf Juli verschoben –und zwar mit Online-Unterricht. Da wir für unsere Kinder von Klasse 1-10 zu viele Laptops gebraucht hätten, entschieden wir uns, die Kinder anhand der Schulbücher mit unseren eigenen Lehrkräften und mit Hilfe unserer Jugendlichen jenseits der Klasse 10 in drei Blöcken à zwei Stunden jeweils täglich zu unterrichten. Ich selbst unterrichtete die Klassen 7-10 in Englisch und Eric konnte den älteren Kindern in Science und Mathematik helfen. So ergänzten wir uns gut in unseren Kompetenzen. Da der Schulweg wegfiel, blieb mehr Freizeit für die Kinder als gewohnt. Jede Woche stellten wir daher im Rahmen einer Präsentation ein Land vor und veranstalteten ein Quiz für die älteren Kinder, um auch ihre Allgemeinbildung zu stärken und den Blick über den Tellerrand zu ermöglichen.

Seit September können die Kinder nun wieder die Schule besuchen, und der Alltag ist ein Stück weit zurückgekehrt. Rückblickend war die Zeit im Lockdown keine leichte. Jedoch überwiegen bei Eric und mir sehr positive Gefühle, was die Zeit für unsere Kinder angeht, denn im Vergleich zu anderen Kindern in Nepal konnten wir sie angemessen unterrichten, sodass ihre Bildung nicht unter den Umständen gelitten hat. Außerdem waren sie nicht von gleichaltrigen Kindern isoliert, sondern haben die Zeit zusammen durchgestanden und als Gemeinschaft gemeistert.

Erfreulicherweise kommt mehr Impfstoff nach Nepal, so dass unsere älteren Kinder und das gesamte Personal bereits einmal geimpft sind. Ich hoffe, dass die steigende Impfquote in Zukunft einen erneuten Lockdown und eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindern wird, sodass der Verein, zusammen mit neuen Praktikant*innen aus Deutschland wieder richtig in seinen Alltag übergehen kann.

Unsere ersten Praktikanten nach dem Lockdown waren Sina und Jaron, ein Ehepaar aus Hamburg, das eigentlich letztes Jahr ein längeres Praktikum im Haus der Hoffnung machen wollte. Die Situation ließ es damals aber leider nicht zu. Als sich mit Aufhebung der Reisebeschränkungen die Lage überraschend schnelländerte, entschieden sich die beiden sehr kurzfristig, für vier Wochen nach Nepal zu kommen –zur besten Reisezeit und zwischen den größten Festen Dashain und Tihar. Ein paar Eindrücke nun im Folgenden:

Kurz nach unserer Ankunft in Nepal wurden wir sprichwörtlich ins kalte Wasser geworfen –das kalte Wasser von „Whoopee Land“, einem Vergnügungsbad mit verrückten Rutschen und spaßigen Vergnügungsattraktionen im Westen von Kathmandu. Dieser Ausflug war Teil des Ferienprogramms für alle Kinder, die während des Dashain-Festes nicht in ihre Dörfer fahren konnten. Uns wurde der Einstieg in die Kultur, das Land und vor allem das Kennenlernen der Kinder und der Betreuer dadurch erheblich vereinfacht und wir wurden sofort Teil der “Self-Help-Nepal-Großfamilie”: Als aunty & uncle, als sister & brother oder einfach als Sina & Jaron. Die Mitarbeiter und Betreuer haben sich sehr viel Mühe gegeben, den Ferienalltag abwechslungs-aber auch lehrreich zu gestalten. 

In den darauffolgenden Tagen beinhaltete unser Programm mit den Kindern und Jugendlichen u.a. einen Ausflug ins Luftfahrtmuseum in der Nähe des Flughafens, wobei die Kinder hier in ein ausgestelltes Flugzeug steigen konnten und ihnen die Informationen rund um die Luftfahrt anschaulich vermittelt wurden. Mal sehen, wie viele Self-Help-Nepal-Piloten es in ein paar Jahren geben wird. Man merkt, wie sehr die Schüler diese Ausflüge genießen, nachdem sie fast 1½Jahre ihre Häuser kaum verlassen durften.

Nach unserer ersten Woche kehrte der Schulalltag wieder ein, und die jüngeren Kinder (bis zu Klasse 10) hatten einen fordernden Tagesablauf vor sich. Das gab uns die Möglichkeit, die älteren Kinder bzw. Teenager kennenzulernen, da diese erst nach dem zweiten großen Fest –Tihar, dem Lichterfest –wieder in die Schule zurückkehren. Neben ein paar gemeinsamen Ausflügen zu Kathmandus Sightseeing Hotspots wurden wir auch sportlich beim Fußball und Basketball gefordert. Es tat gut zu wissen, dass wir trotz einem “geringen” Altersunterschied von 10 bis 15 Jahren noch mithalten konnten… Die Abende waren gut gefüllt mit Quizzen zum Allgemeinwissen, die wir teilweise mitgestaltet und dabei selbst auch viel dazu gelernt haben. Um den Kindern einen Einblick in unseren Arbeitstag in Deutschland zu geben, haben wir zudem unseren Beruf des Bauingenieurs in einer Präsentation vorgestellt.

 Als Kontrastprogramm zum täglichen Dal Bhat haben wir zusammen mit den „großen und kleinen Köchen“ Pfannkuchen mit Apfelmus und schwäbische Käsespätzle mit Röst–zwiebeln zubereitet. Dies hatten sich besonders die Jugendlichen gewünscht, die bereits ein Schuljahr in Deutschland waren (siehe Rundbrief Nr. 43 und Rundbrief Nr. 46). Dem Dal Bhat wird aber so schnell nichts den Rang ab–laufen können. So sehr wir uns auch angestrengt haben…

Die Globalisierung macht auch vor Nepal nicht Halt. Dank Internet kennen einige Kinder den Brauch um Halloween. Eine Woche vor Tihar haben wir somit einen ganzen Tag den Kürbissen, Geistern und anderen gruseligen Wesen gewidmet: es wurden Kürbisse geschnitzt, Kürbis–kernegeröstet, Gesichter geschminkt, Halloween-Memory-Spiele gebastelt und vor den erleuchteten Kürbissen in der Dunkelheit gesungen.

Die letzten beiden Jahre waren für jeden von uns geprägt von Planänderungen und Improvisation. Dass wir dieses tolle und wunderschöne Land mit seinen offenen, warmherzigen und liebevollen Menschen nun doch kennenlernen durften, war/ist für uns eine der besten Erfahrungen. Die Einblicke in den Alltag der Kinder bzw. die Möglichkeit, ihn gestalten zu können und zu sehen, wie sehr sich die Kinder über Kleinigkeiten freuen, ist total bereichernd und einfach schön. Wir sind sehr dankbar, dass wir hier sein können und am Leben im Kinderheimteilhaben dürfen. Für uns ist dies definitiv eine der besten Planänderungen in diesem Jahr!

Unser früherer Leiter Navaraj wurde Vater einer Wunschtochter, denn er hatte sich immer eine Tochter als Kind gewünscht, was überhaupt nicht dem nepalesischen Familienverständnis entspricht. Mädchen heiraten und gehören dann als Arbeitskraft und zur Altersversorgung in die Familie ihres Mannes, während Buben für ihre Herkunftsfamilien sorgen. Wir gratulieren von Herzen und wünschen der jungen Familie alles Gute für ihre Zukunft.

Auf Kosten des Vereins studierte Meshak in China Medizin, weil dort das Studium preisgünstiger als in Nepal war. Dort gab es auch wesentlich mehr Studien–plätze als in seiner Heimat, denn China warb gezielt für Studenten aus dem Ausland. Ein paar Jahre langpraktizierte er mit seinem Bachelor in entlegenen Gegenden. Nun hat er seinen Facharzt als Allgemeinmediziner erfolgreich abgeschlossen und begibt sich in eine noch entlegenere Gegend, nämlich in den im Nordosten liegenden Distrikt Salyan. Mit dem öffentlichen Bus dauert die Fahrt von Kathmandu aus rund24 Stunden. Sechs Tage in der Woche soll er 24 Stunden Dienst tun. Ärzte sind dort sehr dünn gesät. Damit ruht auf ihm eine große Verantwortung verbunden mit viel Einsamkeit, denn das Internet ist dort noch nicht selbstverständlich.

Einrad fahren erfreut sich bei unseren Kindern weiterhin großer Beliebtheit. Sofern Sie noch ein solches Rad bei sich herumstehen haben und nicht mehr brauchen, dürfen Sie es uns gerne zukommen lassen. Setzen Sie sich bitte vorab mit uns in Verbindung.

Wir suchen auch wieder noch funktionsfähige Laptops, die ein deutscher Verein mit Lernsoftware in Englisch, Nepalesisch, Mathematik und Naturwissenschaften für Schüler der Klassen 2 bis 8 bespielt, nachdem alle Ihre Daten gelöscht wurden. Ursprünglich zur Verbesserung der Unterrichtsqualität in entlegenen Gegenden gedacht, arbeiten auch unsere Kinder gern damit. Ferner sammeln wir wieder gut erhaltene Mobiltelefone und iPhones für unsere Jugendlichen und Angestellten.

Im Gegensatz zu Deutschland vermeldet Nepal noch keine besorgniserregenden steigenden Fallzahlen für Corona, was vermutlich mit seiner jüngeren Bevölkerung zu tun hat. Hoffentlich lösen die Touristen, die im Oktober und November wieder ins Land kamen, nicht eine neueCovid-19-Welle aus. Unsere Jugendlichen und unser Personal konnten sich am 11.11. zum zweiten Mal impfen lassen.

Ihnen allen danken wir für Ihre Unterstützung und wünschen Ihnen zu den Feier- und Festtagen sowie im neuen Jahr alles Gute in diesen immer noch sehr unruhigen Zeiten. Halten Sie uns bitte die Treue. Wir brauchen Sie weiterhin dringend.


Eine Vielzahl weiterer Rundbriefe, der vergangenen Jahre, finden Sie auch in unserem Downloadbereich zum Herunterladen als pdf.

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